Schulung, die im Alltag ankommt
Wie sieht eine Qualifizierung aus, nach der die Teilnehmenden tatsächlich anders arbeiten?
Kurzantwort
20 SekundenArtikel 4 der KI-Verordnung verlangt seit dem 2. Februar 2025 geeignete Maßnahmen, kein Papier — und seit der Änderung durch die Digital-Omnibus-Verordnung (EU) 2026/1744 vom 27. Juli 2026 auch kein garantiertes Kompetenzniveau einzelner Personen. Maßstab ist der tatsächliche Einsatz im Haus, nicht ein allgemeiner Lehrplan. Daraus folgt: Eine Schulung wirkt, wenn sie mit den Werkzeugen arbeitet, die bei Ihnen laufen, mit Beispielen aus Ihren eigenen Vorgängen, getrennt nach Rollen — Anwendung, Führung, Verantwortung. Was nicht wirkt: ein Videokurs von der Stange, eine einmalige Veranstaltung ohne Wiederholung und jede Schulung, die Schatten-KI ausklammert, weil man sie offiziell nicht hat. Dokumentiert gehören Teilnehmerkreis, Datum, Inhalte und Werkzeugbezug — eine Seite je Durchgang genügt.
Stufe 2
Einordnung
5 Minuten
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Der Stadtpark wurde 1914 angelegt#
Die Bäume, wegen derer heute jeder hingeht, hat keiner der Planer je in voller Größe gesehen. Trotzdem hat man sie gepflanzt, und zwar in der richtigen Reihenfolge: erst der Boden, dann die Wege, dann die Bäume. Wer die Reihenfolge umdreht, hat nach zehn Jahren einen Park, den niemand betreten kann.
Bei Qualifizierung ist es ähnlich. Der Ertrag kommt später, die Reihenfolge entscheidet, und das Verlockende ist immer, mit dem Sichtbaren anzufangen — mit dem Zertifikat.
Was Artikel 4 tatsächlich verlangt#
Zwei Sätze, mehr steht dort nicht. Betreiber müssen geeignete Maßnahmen ergreifen, damit ihr Personal und andere, die in ihrem Auftrag mit KI-Systemen arbeiten, über KI-Kompetenz verfügen. Maßstab sind Vorkenntnisse, Erfahrung, Ausbildung und der konkrete Einsatzzusammenhang.
Geändert im Juli 2026. Die ursprüngliche Fassung verlangte, ein ausreichendes Maß an KI-Kompetenz sicherzustellen. Die Digital-Omnibus-Verordnung (EU) 2026/1744, veröffentlicht am 24. Juli 2026 und in Kraft seit dem 27. Juli 2026, hat das abgeschwächt: Ein bestimmtes Kompetenzniveau einzelner Personen muss nicht mehr garantiert werden. Die Pflicht, überhaupt geeignete Maßnahmen zu ergreifen, besteht unverändert fort — wer daraus das Ende der Pflicht liest, verwechselt die Absenkung eines Maßstabs mit dem Wegfall einer Anforderung.
Es gibt keine Untergrenze für die Betriebsgröße, keinen vorgeschriebenen Lehrplan und kein vorgeschriebenes Zertifikat. Das wird häufig als Erleichterung gelesen und ist eher das Gegenteil: Ein Zertifikat könnte man kaufen. Einen Kenntnisstand muss man herstellen.
Ein Zertifikat kann belegen, dass eine Maßnahme stattgefunden hat. Ob sie angemessen war, hängt am tatsächlichen Einsatz, an den Rollen und an den Risiken im Haus — und das entscheidet kein Papier. Die Europäische Kommission stellt ausdrücklich klar, dass weder ein Zertifikat noch ein bestimmtes Schulungsformat die Erfüllung von Artikel 4 vermuten lässt.
Drei Rollen, drei Schulungen#
Eine Schulung für alle ist für niemanden richtig. Die Aufteilung, die sich bewährt hat, ist denkbar einfach.
Anwendung. Wer täglich mit den Werkzeugen arbeitet. Inhalte: Was das Werkzeug kann und was nicht, welche Daten hinein dürfen, wie man ein Ergebnis prüft, wann man aufhört und einen Menschen fragt. Zwei bis drei Stunden, mit eigenen Fällen, ohne Folien über Modellarchitektur.
Führung. Wer Vorgänge verantwortet, in denen die Werkzeuge eingesetzt werden. Inhalte: Wo Automatisierung sinnvoll ist und wo nicht, wie man Ergebnisse stichprobenartig kontrolliert, welche Fragen bei einem Vorhaben früh zu stellen sind, wie man mit Widerstand umgeht.
Verantwortung. Geschäftsführung, Datenschutz, Betriebsrat, IT-Leitung. Inhalte: Rollen nach der KI-Verordnung, Hochrisiko-Einstufung, Dokumentationspflichten, Vertragslage, Aufsicht. Kürzer als die anderen beiden, aber ohne sie geht nichts.
Der Punkt, an dem die meisten Schulungen scheitern#
Sie behandeln Werkzeuge, die im Haus nicht im Einsatz sind, und lassen jene aus, die es sind. In fast jedem Betrieb arbeiten Beschäftigte längst mit privaten Zugängen — nicht aus Trotz, sondern weil die Arbeit erledigt werden muss und niemand etwas bereitgestellt hat.
Eine Schulung, die so tut, als gäbe es das nicht, verliert den Raum in der ersten Viertelstunde. Eine, die es offen anspricht, gewinnt ihn. Man muss die private Nutzung nicht gutheißen, um sie zur Kenntnis zu nehmen; und die Frage „Wer von Ihnen hat es schon mal probiert" beantwortet in jedem Raum mehr Hände, als die Geschäftsführung erwartet hat.
Stufe 3
Vertiefung
7 Minuten
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Ein Ablauf, der sich bewährt hat#
Zweieinhalb Stunden für die Anwendungsschulung, aufgeteilt in vier Teile.
Erstens, die Bestandsaufnahme im Raum. Wer nutzt was, wofür, und mit welchem Zugang? Zwanzig Minuten, und die Geschäftsführung sollte dabei nicht im Raum sein, wenn man ehrliche Antworten will.
Zweitens, die Grenzen. Nicht als Warnliste, sondern als Vorführung. Eine erfundene Quelle live erzeugen lassen, eine Rechnung mit falschem Ergebnis, eine Passage, die in einem langen Dokument übersehen wird. Fünfzehn Minuten, die mehr bewirken als jede Folie über Risiken.
Drittens, die eigenen Fälle. Die Teilnehmenden bringen echte Aufgaben mit und bearbeiten sie. Das ist der längste Teil und der einzige, der hinterher etwas verändert.
Viertens, die Regeln des Hauses. Welche Werkzeuge freigegeben sind, welche Daten hinein dürfen, wer im Zweifel entscheidet. Eine Seite, ausgehändigt, nicht vorgelesen.
Was in die Dokumentation gehört#
Die Verordnung schreibt keine Form vor, deshalb reicht eine Seite je Durchgang: Datum, Teilnehmerkreis mit Rollen, behandelte Inhalte, die konkret behandelten Werkzeuge, Dauer, durchführende Person. Dazu die ausgehändigte Regelung. Wer zusätzlich eine kurze Verständnisabfrage macht — fünf Fragen, keine Prüfung —, hat einen Beleg, dass etwas angekommen ist, und erfährt nebenbei, was nicht angekommen ist.
Wichtiger als jede Form ist die Wiederholung. Ein Kenntnisstand, der sich auf Werkzeuge bezieht, die vor achtzehn Monaten im Einsatz waren, ist kein aktueller Kenntnisstand. Einmal jährlich, plus nach jedem Werkzeugwechsel, ist ein vertretbarer Rhythmus.
Woran man erkennt, dass es gewirkt hat#
Nicht am Feedbackbogen. Der ist nach jeder Schulung gut, weil die Leute freundlich sind.
Drei Anzeichen sind aussagekräftiger. Erstens: Die Fragen ändern sich. Statt „Kann das auch Excel?" kommt „Darf ich da die Kundennummer reinschreiben?" — das ist der Moment, in dem Kompetenz entsteht. Zweitens: Jemand entscheidet sich gegen den Einsatz und begründet es sachlich. Drittens: Ein Fehler wird gemeldet, statt stillschweigend korrigiert zu werden.
Das dritte Anzeichen ist das wertvollste und hängt nicht an der Schulung, sondern an der Kultur. Wo Fehler Ärger bedeuten, wird nichts gemeldet, und dann nützt die beste Qualifizierung wenig.
Externe oder eigene Leute#
Beides funktioniert, unter einer Bedingung: Wer schult, muss die Werkzeuge im Haus kennen. Eine Standardschulung von der Stange, in der die im Betrieb eingesetzten Systeme nicht vorkommen, ist eine Maßnahme — aber keine, die zum tatsächlichen Einsatz passt. Genau darauf kommt es nach Artikel 4 an.
Für den Anfang spricht viel für eine externe Durchführung mit anschließender Übergabe an eine interne Person, die die Wiederholungen macht. Das ist günstiger als jährliche Fremdvergabe und schafft im Haus jemanden, den man fragen kann — was im Alltag mehr wert ist als jede Veranstaltung.
Quellen
- Verordnung (EU) 2024/1689 über künstliche Intelligenz — Artikel 4 zur KI-Kompetenz sowie Artikel 3 zu den Rollenbegriffen abgerufen 04.08.2026
- Verordnung (EU) 2026/1744 (Digital-Omnibus-Verordnung) — Änderungsverordnung, Amtsblatt vom 24.07.2026, in Kraft seit 27.07.2026 — ändert Artikel 4 abgerufen 04.08.2026
- EU AI Act: Welche Pflichten für den Mittelstand jetzt gelten — Einordnung der Kompetenzpflicht für kleine und mittlere Unternehmen abgerufen 04.08.2026
Was sich geändert hat
- Dossier angelegt.
- Artikel 4 auf die geänderte Fassung nach Verordnung (EU) 2026/1744 gebracht: Pflicht zu geeigneten Maßnahmen statt garantiertem Kompetenzniveau. Fundstelle ergänzt.